Fachkräftemangel oder Anforderungsproblem? Die unbequeme Wahrheit im Recruiting

Jessica Büttner

Künstliche Intelligenz (KI) spart Recruitern Zeit und übernimmt immer mehr Aufgaben im Bewerbungsprozess. Doch was ist rechtlich überhaupt erlaubt? Wir zeigen, welche Grenzen DSGVO und AI Act setzen und worauf Unternehmen beim Einsatz von KI im Recruiting unbedingt achten sollten.

Inhaltsverzeichnis

Der perfekte Kandidat existiert meistens nicht

Potenzial schlägt Perfektion

Der Fachkräftemangel wird oft hausgemacht

Recruiting ist heute Vertriebsarbeit

Recruiting-Rat an Unternehmen

„Wir finden einfach keine passenden Bewerber mehr.“

Ein Satz, den wir bei LUNISA aktuell nahezu täglich hören. Und ja, der Fachkräftemangel ist real. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft waren Anfang 2026 in Deutschland weiterhin über 100.000 Stellen allein im IT-Bereich unbesetzt. Gleichzeitig melden Unternehmen branchenübergreifend Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Positionen - insbesondere im IT-Recruiting.

Aber nach vielen Jahren im Recruiting, stellt sich hier aber zunehmens auch eine andere Frage: Haben wir wirklich (nur) ein Fachkräfteproblem – oder teilweise auch ein Anforderungsproblem?
Das lässt sich auch relativ einfach testen. Wenn man sich Stellenanzeigen auf dem Markt durchliest, stellt euch ehrlich die Frage: Würde ich mich darauf bewerben?

Denn es geht nicht nur darum, möglichst vollständig die eigenen Anforderungen in einer Stellenanzeige zu verpacken, sondern auch darum, ein Angebot zu schaffen, dass potenzielle Bewerber unbedingt wahrnehmen möchten. Damit das geschieht, müssen diese sich auch dazu in der Lage fühlen. Wenn Unternehmen allerdings immer häufiger volle Office-Präsenz sowie jahrelange Berufserfahrung, Projektleitung und zahlreiche fachliche Qualifikationen fordern, ohne echten Mehrwert zu bieten, schreckt das qualifizierte Talente ab.

Und ja, aktuell sind Unternehmen prinzipiell in einer guten Ausgangslage am Arbeitsmarkt. Aber das wird nicht lange so bleiben. Die Generation der Baby-Boomer geht in den kommenden Jahren in Rente, gleichzeitig wandern immer mehr Fachkräfte ab. Auch der prophezeite KI-Trend ist noch nicht da, wo er reihenweise Arbeitskräfte ersetzen könnte. Unternehmen und Recruiting muss sich also auch auf die Zukunft einstellen.


Der perfekte Kandidat existiert meistens nicht

Viele Unternehmen suchen nach dem berühmten „Einhorn“.
Fünf Jahre Berufserfahrung. Branchenkenntnisse. Perfekte Englischkenntnisse. Führungserfahrung. Projektmanagement. KI-Kompetenz. Am besten sofort verfügbar. Und natürlich innerhalb des vorhandenen Gehaltsbudgets.


Das Problem: Diese Kandidaten gibt es entweder nicht oder sie haben die Auswahl zwischen zahlreichen Arbeitgebern. Außerdem stellen Sie Forderungen (zu recht).
Der Arbeitsmarkt hat sich verändert. Unternehmen konkurrieren längst nicht mehr nur mit direkten Wettbewerbern, sondern mit sämtlichen attraktiven Arbeitgebern einer Region – oder dank dem Remote-Modell deutschlandweit oder sogar global. Wer auf den perfekten Lebenslauf wartet, wartet oft sehr lange und verpasst dabei unglaubliches Potenzial bei anderen Bewerbern, aktuellen Mitarbeitern und Quereinsteigern.

 

Potenzial schlägt Perfektion

Eine Beobachtung, die ich in vielen Besetzungsprojekten gemacht habe: Die erfolgreichsten Mitarbeiter waren häufig nicht die Kandidaten mit dem lückenlosesten und perfekten Lebenslauf.
Sie waren viel eher neugierig, lernbereit und verdammt motiviert.


Gerade in Zeiten von Digitalisierung, Automatisierung und künstlicher Intelligenz verlieren einzelne Fachkenntnisse immer schneller an Wert. Die Fähigkeit, Neues zu lernen, wird dagegen immer wichtiger. Deshalb lohnt sich im Recruiting oft eine einfache Frage: Suchen wir die beste Vergangenheit oder das größte Zukunftspotenzial?

 

Der Fachkräftemangel wird oft hausgemacht

Das klingt hart, aber manchmal liegt das Problem nicht am Markt. Wenn Stellen sechs Monate unbesetzt bleiben, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf:

  • das Gehaltsniveau
  • die Anzahl der Interviewrunden
  • die Geschwindigkeit der Entscheidungen
  • die Flexibilität bei Arbeitszeit und Homeoffice
  • die tatsächlichen Anforderungen

Laut aktuellen Untersuchungen von Stepstone wünschen sich Bewerber vor allem Transparenz, Entwicklungsmöglichkeiten und schnelle Prozesse. Viele Unternehmen bieten genau das jedoch nicht oder kommunizieren es nicht ausreichend.
Währenddessen springen gute Kandidaten bereits nach wenigen Tagen bei einem anderen Arbeitgeber an.

 

Recruiting ist heute Vertriebsarbeit

Der vielleicht größte Wandel der letzten Jahre hat auch in den Köpfen der Bewerber stattgefunden. Denn das größere Bestreben nach einer Stelle, die erfüllend ist und die richtige Work-Life-Balance mit sich bringt, ist kulturell und strukturell bedingt.
Denn während vor einigen Jahren noch ein Gehalt ausreichend war, um eine kleine Familie zu finanzieren, gehen heute meist beide Partner arbeiten. Und zwar Vollzeit. Die Aufopferung für den Job kann also nicht mehr so hoch sein, wie sie es vielleicht früher einmal war.

Das müssen Unternehmen heute im Recruiting berücksichtigen. Die Unternehmenskultur und der Umgang mit der Belegschaft sind enorm wichtige Entscheidungskriterien.  Kurz: Früher mussten Unternehmen auswählen - Heute müssen Unternehmen überzeugen.

Gerade qualifizierte Fachkräfte führen oft mehrere Gespräche gleichzeitig. Sie vergleichen Arbeitgeber, Entwicklungsmöglichkeiten, Führungskräfte und Unternehmenskultur. Die reine Stellenausschreibung reicht immer öfter einfach nicht mehr.


Recruiting bedeutet vielmer:

  • Beziehungen aufbauen
  • Vertrauen schaffen
  • Potenziale erkennen
  • Chancen verkaufen


Hier können Unternehmen punkten, indem Sie diese Themen aktiv treiben und umsetzen. So besetzt man Stellen schneller und auch nachhaltiger.

Also was sagt uns das zusammengefasst? Ja, der Fachkräftemangel existiert. Aber nicht jede unbesetzte Stelle ist automatisch ein Beweis dafür. Manchmal suchen Unternehmen zu lange nach dem perfekten Kandidaten, während ein sehr guter Kandidat bereits vor ihnen sitzt oder sogar schon im eigenen Unternehmen arbeitet.

Recruiting-Rat an Unternehmen:

Prüft regelmäßig, welche Anforderungen wirklich erfolgskritisch sind und welche lediglich „nice to have“ wären. Denn am Ende besetzen wir keine Lebensläufe. Wir gewinnen Menschen. Wer also ausschließlich Augenmerk auf die perfekten Buzzwords im Lebenslauf wirft, der übersieht vielleicht den hochmotivierten Quereinsteiger, der dem eigenen Unternehmen langfristig vielleicht viel mehr Mehrwert geben kann. Zum einen, weil Quereinsteiger häufig dankbarer für eine echte Chance sind und zum anderen, weil sie einen völlig neuen Blickwinkel mitbringen.

Unternehmen müssen also die Anforderungsprofile optimieren. Wie das am besten funktioniert könnt ihr in unserem kostenfreien Whitepaper lesen. Einfach mit dem Formular downloaden.  

Quellen:
Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln): Fachkräftemangel 2025/2026
Bundesagentur für Arbeit: Fachkräfteengpassanalyse
Stepstone Recruiting Report Deutschland
Gallup State of the Global Workplace Report

 

So schärfen Sie Ihre Anforderungsprofile!

Bitte addieren Sie 9 und 3.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

(Bild: gemeinfrei / PEXELS / cottonbro studio)

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